31.10.2013

Festung Europa
Flüchtlinge aus Niger in Sahara verdurstet

Hunger ist Mord
Algier (LiZ). Europa mordet nicht nur im Mittelmeer. Auf ihrem Fluchtweg nach Europa sind 93 Menschen aus dem Niger in der Sahara verdurstet. 48 davon waren Kinder. Die Armut im Niger und anderen afrikanischen Ländern ist die Waffe, mit der diese Menschen ermordet wurden.

Bereits in der vergangenen Woche wurden im algerischen Teil der Sahara die Leichen von fünf Frauen und Mädchen entdeckt. Mittlerweile wurden 87 weitere Leichen in kleinen Gruppen in einem Umkreis von 20 Kilometern gefunden, die offenbar derselben Flüchtlingsgruppe angehörten. Eine Quelle war rund 20 Kilometer von den Verdursteten entfernt. Leichen von Müttern, die zusammengekauert unter Bäumen mit ihren Kindern in der Hitze Schutz gesucht hatten, fanden sich entlang des Todesweges.

Nach Recherchen der britischen Tageszeitung 'Guardian' war diese Gruppe im September im Niger aufgebrochen. Zunächst wurden die Flüchtlinge in zwei vollbeladenen Fahrzeugen an den südlichen Rand der Sahara verfrachtet, von wo aus sie die algerische Mittelmeer-Küste erreichen und weiter nach Europa gelangen wollten. Anscheinend hatte eines der beiden Fahrzeuge eine Panne, das andere wendete, um Hilfe zu holen, kehrte jedoch nicht mehr zurück. Möglich ist auch, daß skrupellose Schlepper die Insassen beider Fahrzeuge unter einem Vorwand ihrem Schicksal überließen.

Einige wenige haben überlebt: 19 Menschen dieser Gruppe wurden im Süden Algeriens aufgegriffen und von dort zurück nach Niger gebracht. Niger gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Obwohl das Land - unglücklicher Weise - über reiche Uran-Vorkommen verfügt, ist seine Handelsbilanz negativ. Aus dem gesamten Export (darunter zu 54 Prozent aus Erz- und Uran-Export) erlöst es jährlich umgerechnet nur rund 502 Millionen US-Dollar. Für den Import (darunter zu 26 Prozent Nahrungsmittel) fließen aus dem Niger dagegen umgerechnet rund 871 Millionen US-Dollar ab.

Im Jahr 2003 belief sich die öffentliche "Entwicklungshilfe" der Industrieländer des Nordens für die 122 Länder der "Dritten Welt" auf 54 Milliarden US-Dollar. Im selben Jahr haben diese Länder der Dritten Welt an den Norden 436 Milliarden US-Dollar als Schuldendienst überwiesen. Ein durch­schnittlicher Atom-Reaktor produziert mit dem gestohlenen Uran täglich einen Profit von rund einer Million Euro.

Länder wie Niger werden gezielt in Armut gehalten und die "Entwicklungshilfe" dient lediglich als Alibi, um von dem systematischen Morden abzulenken.

Am 3. Oktober ertranken rund 400 Flüchtlinge vor Lampedusa im Mittelmeer (Siehe unseren Artikel v. 3.10.13). Nur knapp eine Woche danach wurden die nächsten toten Flüchtlinge vor Lampedusa aus dem Wasser gezogen. Doch die Herrschenden in Europa denken nicht daran, Konsequenzen zu ziehen. Statt dessen wird das unmenschliche Grenzsicherungs-System Frontex weiter ausgebaut.

Weder mit Maßnahmen, die gegen die über das Mittelmeer oder den Atlantik nach Europa fliehenden Menschen gerichtet sind, noch mit zusätzlichen Flüchtlings-Kontingenten in Deutschland oder anderen europäischen Staaten, wird die Ausbeutung Afrikas - und damit das systematische Morden - gestoppt. Das Wort "Wirtschaftsflüchtlinge", zielt darauf ab, sie von "politisch Verfolgten" abzugrenzen und ihnen so "niedere Beweggründe" zu unterstellen. Tatsächlich sind sie im eigentlichen Wortsinn Wirtschaftsflüchtlinge: Denn die Wirtschaft des Nordens, der Kapitalismus, zwingt sie zur Flucht. "Wirtschaftsflüchtling" ist daher nur ein Synonym für "Armutsflüchtling".

Jean Ziegler, damals Sonderberichterstatter der UN-Men­schenrechtskommission für das Recht auf Nahrung, schrieb im Jahr 2005:

"Warum fliehen die Menschen? Warum nehmen Bauern aus dem über 3.000 Kilometer entfernten Kongo-Becken, Sahel-Hirten aus Niger, Baumwollpflanzer aus Nordbenin die oft monatelange, kostspielige und lebensgefährliche Reise zum Mittelmeer auf sich? Warum kratzen hunderte bitterarme Dorfgemeinschaften in Mali ihre letzten Francs CVA zusammen, um einen, zwei, drei ihrer Jungen in Richtung Norden zu schicken? Weil das Eldorado Europa die letzte Hoffnung von Millionen und Abermillionen verzweifelter Menschen darstellt.

Auf unserem Planeten sterben jeden Tag 100.000 Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Letztes Jahr verhungerte alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren. Alle vier Minuten verlor jemand das Augenlicht, weil es ihm an Vitamin A mangelte. 856 Millionen Menschen waren permanent schwerstens unterernährt. Und die Opferzahlen steigen seit 2000. Derselbe World Food Report der Welternährungsorganisation (FAO), der die Opfer registriert, zeigt auch auf, dass die Welt-Landwirtschaft in ihrem heutigen Entwicklungsstadium ohne Problem zwölf Milliarden - also das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung - ernähren könnte (das heißt: 2.700 Kalorien pro Individuum pro Tag).

Es gibt keine Fatalität. Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet. Die Weltordnung des globalisierten Kapitalismus ist nicht nur mörderisch. Sie ist auch absurd. Sie tötet, aber sie tötet ohne Notwendigkeit." (siehe unsere Dokumentation).

 

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Anmerkungen

Siehe auch unsere Artikel:

      Mord an Flüchtlingen
      Barroso auf Lampedusa ausgebuht (9.10.13)

      Festung Europa
      Über 60 Flüchtlinge ermordet (3.10.13)

      Festung Europa
      Tödliche Mauer am Bosporus (11.12.12)

      Hunger und Kapitalismus
      "Der Süden finanziert den Norden" (17.10.12)

      Festung Europa
      Die NATO und der Tod von 63 Bootsflüchtlingen (5.04.12)

      Festung Europa
      Bollwerk am Bosporus geplant (1.01.11)

      Festung Europa
      Grenzregime am Bosporus verstärkt (2.11.10)

      Festung Europa
      Libyen als EU-Grenzposten (29.06.09)

      Berlusconi: Besser in Afrika verhungern
      als in Italien interniert (20.05.09)

      Verfahren gegen Lebensretter in Italien
      Stefan Schmidt und Elias Bierdel von 'Cap Anamur'
      vor Gericht (17.05.09)

      Italien schiebt afrikanische MigrantInnen ab
      Proteste zum Teil scheinheilig (9.05.09)

      Festung Europa: Mehr als 300 Flüchtlinge
      im Mittelmeer ertrunken (31.03.09)

      Ausbeutung durch die Industrie-Nationen
      Eine Nahaufnahme aus Burkina Faso (11.03.09)

      Weitere Proteste auf Lampedusa
      Italiens Asylpolitik unverändert unmenschlich (18.02.09)

      Weiter Demonstrationen auf Lampedusa
      gegen europäische Abschottungs-Politik (28.01.09)

      Protest gegen Festung Europa
      MigrantInnen auf Lampedusa demonstrieren
      gegen Lager-Bedingungen (24.01.09)

      Positive Wende in Australien:
      Ende der menschenverachtenden Asylpolitik (28.07.08)

      Festung Europa
      Menschenverachtende Politik gegen Flüchtlinge (20.06.08)

      Flüchtlingselend und Artenschwund in Nordafrika
      Führt Tierschutz zu mehr Menschenschutz? (22.01.08)

      Frontex und die toten Flüchtlinge
      Immer mehr Leichen im Mittelmeer (25.12.07)

      Europa, schäme dich!
      Flüchtlingselend im Mittelmeer (28.05.07)

      Eine mörderische Weltordnung
      Ceuta und Melilla (21.10.05)

      ai: "deutsche Asylpolitik verantwortungslos" (25.05.05)

      Festung Europa fordert Tote
      Mehr Leichen als Krabben in den Netzen (26.03.05)

      Tag des Flüchtlings 2004:
      Europa macht dicht! (30.09.04)

      Menschenverachtender Umgang
      mit Flüchtlingen beim FdAaF-Bundesamt (3.06.04)

      Zuwanderungsgesetz
      oder Abschottungsgesetz? (27.05.04)

      Nach wie vor werden in Deutschland
      Kinderrechte mit Füßen getreten (16.01.04)

      60 Tote infolge europäischer Unchristlichkeit (22.12.03)

      Sind Sie darauf stolz, Herr Schily? (13.01.03)

      Europa hat eine Verantwortung (11.10.00)